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Wir leben Kunst

Gottfried Honegger

Ja die linken Intellektuellen schweigen

"Ich möchte die Angst vor der Zukunft geradezu als das Grundgefühl des Schweizer Zeitgenossen bezeichnen. Ist Ihnen nie aufgefallen, dass das Wort ,Utopie' bei uns ausschliesslich im negativen Sinne verwendet wird? Eben hier liegt der Hase im Pfeffer, denn auch die Schweiz, und gerade die Schweiz, ist aus nichts anderem als einem utopischen Gedanken entstanden."
Max Frisch

Angst vor der Zukunft - ja, der Besitzende, auch der bescheiden Wohlhabende, wir Schweizer, wir wollen bewahren, abwehren, sparen, aufbewahren, neutral sein. Globalisierung, Börsenkrach, Flüchtlinge, Europa, Irak-Krieg, ' Klimakatastrophe, keine saubere Luft, Gletscherschwund usw. führen dazu, dem starken Manne mehr als.dem Volk zu vertrauen.
Blocher in der Schweiz, Sarkozy in Frankreich, Berlusconi in Italien, Haider in Österreich. In Grossbritannien träumt man von Margret Thatcher, in den USA von Ronald Reagan. Das war auch 1931 so, als die Deutschen gebeutelt von der Wallstreet-Krise, Hit/er als Erlöser wählten. Auch sie hofften auf den starken Mann.

Hat die Demokratie versagt - nein, ihr haben wir unser materielles und geistiges Wohlbefinden zu verdanken. Ihr verdanken wir unsere kulturelle Vielfalt. Ihr verdanken wir, dass wir länger leben und zwar in Frieden und Sicherheit. Nun heisst Demokratie ja auch soziale Gemeinschaft, sozialer Auftrag, dafür gibt sie uns Redefreiheit, Gleichberechtigung, Hilfe, Bildung und Kultur.
 
Redefreiheit ja, solange man sich anpasst, nicht Utopien verbreitet. Man fragt, warum schweigen die linken Intellektuellen: weil sie bei uns heute kein Forum mehr haben. Einst hatten wir das "Volks recht". Das hat unsere Wirtschaft gestört. Schluss mit Inseraten. Einst konnten wir am Radio und am Fernsehen unsere Anliegen vorbringen. Heute ist Kultur ab 22.30 Uhr, und das Reden reduziert sich auf Frank A. Meyer. Was die Medien wollen, sind Einschaltquoten. Einst hatte die Sozialdemokratische Partei dank Nationalrat Hans Oprecht einen grossartigen Buchverlag - die "Büchergilde Gutenberg". Aber ohne Geld - ohne Leser .
einst hatte der Tages-Anzeiger täglich eine bedeutende Kulturbeilage. Heute ist sie eine Alibiübung. Nur ca. 2% der Leserinnen und Leser interessieren sich bei uns für die Kultur.

Aber lassen wir das. Wichtiger ist, dass, wenn wir reden oder schreiben, wir prompt mit Repressionen rechnen müssen. Max Frisch, mit dem ich ein halbes Jahrhundert auch privat befreundet war, bekam, als er von Rom nach Zürich in seine Vaterstadt Zürich zurückkam, keine Wohnung. Ich musste zweimal seine Mietverträge unterschreiben. Der Haus- und Grundeigentümerverband schrieb dannzumal in seiner Zeitung sinngemäss: "Gebt dem Linken keine Wohnung."

Niklaus Meienberg, den der SVP-Mörgeli so liebt, hat sich das Leben genommen unter dem Druck der Mächtigen, die über unsere Demokratie bestimmen.
Dafür hat man einem Emil Bührle, ein Handlanger Hitlers, einen Bronze-Kopf ins Kunsthaus gestellt, und in Örlikon ihn mit einer Strasse geehrt. Alle meine Briefe und Proteste an Stadträtin Frau Esther Maurer, SP, haben nichts genützt.

Ich selbst erlebe noch heute Diffamierungen. Ich ahne, warum ich mit 91 Jahren als Künstler in keinem öffentlich städtischen Schweizer Museum eine Ausstellung hatte. Ich habe nie an ein Schweizer Museum ein Bild verkauft, nie auch eine Einladung an eine ausländische Biennale erhalten.
Doch ich durfte Frankreich an der Biennale in Sao Paolo vertreten. Ich hatte
Ausstellungen in Paris, in Lyon, in Schweden, in Deutschland, in Österreich, in USA, in Korea. Ich wurde vom französischen Staat geehrt mit dem Commandeur des Arts et des Lettres und dem Chevalier de l'Ordre de la Legion d'Honneur. Was mich tröstet: Alberto Giacometti, Sophie Taeuber, Le Corbusier, Arthur Honegger hatten in der Schweiz in ihrer Heimat auch keinen Kredit. Sie hatten zu ihren Lebzeiten keine Anerkennung, keinen Erfolg, keine materielle Sicherheit. Im Ausland, in Paris, hat man sie als Pioniere für ihre grosse Kunst geehrt. Heute, da sie Welt-Symbol sind, übernimmt die schweizerische Nationalbank als Nutzniesserin ihren Namen für die Schweizer Banknoten. Ja - wer mit seiner Arbeit Wirkung haben will, muss ins Ausland.

Frau Sybil Albers, meine Gefährtin, und ich, wollten unsere Sammlung konkreter
Kunst der Stadt Zürich oder dem Kanton Zürich schenken. Kein Interesse ,
Heute wird Frankreich dafür geehrt. Das Kunstmuseum in Mouans-Sartoux in Südfrankreich, das unsere dem Staat geschenkte Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich macht, bekommt für seine Philosophie den Europäischen Kulturstiftungspreis Pro Europa 2008.


Nein - die Intellektuellen in der Schweiz reden und schreiben ins Leere. Es ist sinnlos, sich zu äussern, wenn niemand zuhört. Es ist nutzlos, Utopien zu vertreten, wenn auch die offizielle Schweiz sich ganz und gar im Parteien-Streit verbraucht. Nicht nur die linken Intellektuellen schweigen - die ganze Schweiz schweigt, es sei denn, jemand stört ihre Heimatstil-Ruhe.

Ein letztes Beispiel: gemeinsam mit Frau Rosmarie Zapfl, ex-CVP-Nationalrätin, und Prof. Ambras Uchtenhagen, Arzt und Psychiater, haben wir ein Projekt für die Altersvorsorge an Stadt und Kanton Zürich eingebracht. Wir wollten in der seit Jahrzehnten brachliegenden Militär-Kaserne eine Art aktive Atelier Arbeitsgemeinschaft schaffen. Wir wissen es heute, aktive Senioren und Seniorinnen leben gesünder und länger. Musik, Malen, Handarbeit, Vorträge, Beratung, Schreinern, Basteln, Sport und Spiel - träumen, kreativ sein. Wir glaubten an eine "Oase" gegen die Entsorgung der Alten, derjenigen, die mitgeholfen haben, dass die Schweiz ein Land ist, das weltweit geachtet wird. Man hat uns den Brief verdankt und damit Schluss. Seit 2006 kein weiteres Wort.

Ich war dabei, als Max Frisch Bertolt Brecht fragte, warum er die Schweiz verlasse. Brechts Antwort war: "Die Schweiz macht mir zu viele Gesetze, um die Freiheit zu schützen."
"Politik ist zum blossen Geschäft geworden, zum getarnten Geschäft. Und wer einmal auf die grundsätzlichen Probleme hinzuweisen wagt, die dahinterliegen, wer auf eine wirkliche Auseinandersetzung drängt, der läuft Gefahr, als politische Scharfmacher und als Spielverderber angeprangert zu werden, als Wirrkopf, als Träumer, als Störefried - als Nihilist!" Max Frisch

Gottfried Honegger, 15.4.08

 

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